Die Sphinx

Dort vor dem Tor lag eine Sphinx,
Ein Zwitter von Schrecken und Lüsten
Der Leib und die Tatzen wie ein Löw’,
Ein Weib an Haupt und Brüsten.

Ein schönes Weib! Der weiße Blick,
Er sprach von wildem Begehren:
Die stummen Lippen wölbten sich
Und lächelten stilles Gewähren.

Die Nachtigall, sie sang so süß
– Ich konnt’ nicht widerstehen –
Und als ich küsste das holde Gesicht,
Da war’s um mich geschehen.

Lebendig ward das Marmorbild,
Der Stein begann zu ächzen
Sie trank meiner Küsse lodernde Glut
Mit Dürsten und mit Lechzen.

Sie trank mir fast den Odem aus-
Und endlich, wolllustheischend,
Umschlang sie mich, meinen armen Leib
Mit den Löwentatzen zerfleischend.

Entzückende Marter und wonniges Weh!
Der Schmerz und die Lust unermesslich!
Derweilen des Mundes Kuss mich beglückt,
Verwunden die Tatzen mich grässlich.

Die Nachtigall sang: “Oh schöne Sphinx! Oh Liebe! was soll es bedeuten,
Dass du vermischest mit Todesqual all deine Seligkeiten?
O schöne Sphinx! O löse mir das Rätsel, das wunderbare!
Ich hab darüber nachgedacht schon manche tausend Jahre.