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Die alten, bösen Lieder,...

Die alten, bösen Lieder,

Die Träume schlimm und arg,

Die laßt uns jetzt begraben,

Holt einen grossen Sarg.

Hinein leg ich gar Manches,

Doch sag ich noch nicht was;

Der Sarg muß sein noch größer

Wies Heidelberger Faß.

Und holt eine Totenbahre,

Von Brettern fest und dick:

auch muß sie sein noch länger

Als wie zu Mainz die Brück.

Und holt mir auch zwölf Riesen,

Die müssen noch stärker sein

Als wie der heilge Christoph

Im Dom zu Köln am Rhein.

Die sollen den Sarg forttragen

Und senken ins Meer hinab,

Denn solchem grossen Sarge

Gebührt ein grosses Grab.

Wißt ihr, warum der Sarg wohl

So groß und schwer mag sein?

Ich legt auch meine Liebe

Und meinen Schmerz hinein.



Die Sphinx

Dort vor dem Tor lag eine Sphinx,
Ein Zwitter von Schrecken und Lüsten
Der Leib und die Tatzen wie ein Löw',
Ein Weib an Haupt und Brüsten.

Ein schönes Weib! Der weiße Blick,
Er sprach von wildem Begehren:
Die stummen Lippen wölbten sich
Und lächelten stilles Gewähren.

Die Nachtigall, sie sang so süß
- Ich konnt' nicht widerstehen -
Und als ich küsste das holde Gesicht,
Da war's um mich geschehen.

Lebendig ward das Marmorbild,
Der Stein begann zu ächzen
Sie trank meiner Küsse lodernde Glut
Mit Dürsten und mit Lechzen.

Sie trank mir fast den Odem aus-
Und endlich, wolllustheischend,
Umschlang sie mich, meinen armen Leib
Mit den Löwentatzen zerfleischend.

Entzückende Marter und wonniges Weh!
Der Schmerz und die Lust unermesslich!
Derweilen des Mundes Kuss mich beglückt,
Verwunden die Tatzen mich grässlich.

Die Nachtigall sang: "Oh schöne Sphinx! Oh Liebe! was soll es bedeuten,
Dass du vermischest mit Todesqual all deine Seligkeiten?
O schöne Sphinx! O löse mir das Rätsel, das wunderbare!
Ich hab darüber nachgedacht schon manche tausend Jahre.



Zur Beruhigung

Wir schlafen ganz, wie Brutus schlief

Doch jener erwachte und bohrte tief

In Cäsars Brust das kalte Messer!

Die Römer waren Tyrannenfresser.


Wir sind keine Römer, wir rauchen Tabak.

Ein jedes Volk hat seinen Geschmack,

Ein jedes Volk hat seine Größe;

In Schwaben kocht man die besten Klöße.


Wir sind Germanen, gemütlich und brav,

Wir schlafen gesunden Pflanzenschlaf,

Und wenn wir erwachen, pflegt uns zu dürsten,

Doch nicht* *nach dem Blute unserer Fürsten.


Wir sind so treu wie Eichenholz,

Auch Lindenholz, drauf sind wir stolz;

Im Land der Eichen und der Linden

Wird niemals sich ein Brutus finden.

Und wenn auch ein Brutus unter uns wär,

Den Cäsar fänd er nimmermehr,

Vergeblich würd er den Cäsar suchen;

Wir haben gute Pfefferkuchen.


Wir haben sechsunddreißig Herrn

(Ist nicht zuviel!), und einen Stern

Trägt jeder schützend auf seinem Herzen,

Und er braucht nicht zu fürchten die Iden des Märzen.


Wir nennen sie Väter, und Vaterland

Benennen wir dasjenige Land,

Das erbeigentümlich gehört den Fürsten;

Wir lieben auch Sauerkraut mit Würsten.


Wenn unser Vater spazierengeht,

Ziehn wir den Hut mit Pietät;

Deutschland, die fromme Kinderstube,

Ist keine römische Mördergrube.



Deutschland ein Wintermärchen
CAPUT I


Im traurigen Monat November war's,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder -
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe -

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen -
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte -
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.


... weiter unter Quelle http://gutenberg.spiegel.de



Salome


Auf dem glutenkranken Antlitz
Lag des Morgenlandes Zauber,
Auch die Kleider mahnten kostbar
An Scheherezadens Märchen.

Sanfte Lippen, wie Granaten,
Ein gebognes Liliennäschen,
Und die Glieder schlank und kühlig
Wie die Palme der Oase.

Lehnte hoch auf weißem Zelter,
Dessen Goldzaum von zwei Mohren
Ward geleitet, die zu Fuß
An der Fürstin Seite trabten.

Wirklich eine Fürstin war sie,
War Judäas Königin,
Des Herodes schönes Weib,
Die des Täufers Haupt begehrt hat.

Dieser Blutschuld halber ward sie
Auch vermaledeit; als Nachtspuk
Muß sie bis zum jüngsten Tage
Reiten mit der Wilden Jagd.

In den Händen trägt sie immer
Jene Schüssel mit dem Haupte
Des Johannes, und sie küßt es;
Ja, sie küßt das Haupt mit Inbrunst.

Denn sie liebte einst Johannem
In der Bibel steht es nicht,
Doch im Volke lebt die Sage
Von Herodias' blut'ger Liebe

Anders wär ja unerklärlich
Das Gelüste jener Dame
Wird ein Weib das Haupt begehren
Eines Manns, den sie nicht liebt?

War vielleicht ein bißchen böse
Auf den Liebsten, ließ ihn köpfen;
Aber als sie auf der Schüssel
Das geliebte Haupt erblickte,

Weinte sie und ward verrückt,
Und sie starb in Liebeswahnsinn.
(Liebeswahnsinn! Pleonasmus!
Liebe ist ja schon ein Wahnsinn!)

Nächtlich auferstehend trägt sie,
Wie gesagt, das blut'ge Haupt
In der Hand, auf ihrer Jagdfahrt
Doch mit toller Weiberlaune

Schleudert sie das Haupt zuweilen
Durch die Lüfte, kindisch lachend,
Und sie fängt es sehr behende
Wieder auf wie einen Spielball.

Als sie mir vorüberritt,
Schaute sie mich an und nickte
So kokett zugleich und schmachtend,
Daß mein tiefstes Herz erbebte.

aus: Atta Troll (Zit. nach Mario Praz, Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik, Carl Hanser, München/dtv wissenschaftliche Reihe, München 1970, Bd. 2, S. 260 ff. Original: La carne, la morte e il diavolo nella letteratura romantica, Florenz 1948)

  

Christian Johann Heinrich Heine



13.12.1797 in Düsseldorf bis
17.2.1856 in Paris
Am 4.1.1844 trat Heine der Freimaurerloge "Les Trinosophes" bei, die seinerzeit zu den angesehensten Logen in Paris gehörte und die gegenüber Ausländern sehr aufgeschlossen war. Als Heine 1844 aufgenommen wurde, waren unter den 49 Mitgliedern drei Polen, zwei Schweizer, zwei Engländer und ein Luxemburger.