Natur und Kunst
Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
und haben sich, eh’ man es denkt, gefunden;
der Widerwille ist auch mir verschwunden,
und beide scheinen gleich mich anzuziehen.
Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst in abgemessnen Stunden
mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
mag frei Natur im Herzen wieder glühen.
So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen:
Vergebens werden ungebundne Geister
nach der Vollendung reiner Höhe streben.
Wer Großes will, muss sich zusammenraffen;
in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.


Nemesis

Wenn durch das Volk die grimme Seuche wütet,
Soll man vorsichtig die Gesellschaft lassen.
Auch hab ich oft mit Zaudern und Verpassen
Vor manchen Influenzen mich gehütet.
Und ob gleich Amor öfters mich begütet,
Mocht ich zuletzt mich nicht mit ihm befassen.
So ging mirs auch mit jenen Lacrimassen,
Als vier- und dreifach reimend sie gebrütet.
Nun aber folgt die Strafe dem Verächter,
Als wenn die Schlangenfackel der Erinnen
Von Berg zu Tal, von Land zu Meer ihn triebe.
Ich höre wohl der Genien Gelächter;
Doch trennet mich von jeglichem Besinnen
Sonettenwut und Raserei der Liebe.
ANMERKUNG:
Nemesis ist die Schicksalsgöttin. Genien (im letzten Terzett) sind gute Geister. Und "Erinnen" (erstes Terzett, V. 10) ist kein Darstellungsfehler; damit verkürzt Goethe die antiken Rachegöttinnen und Fabelwesen, die man Erinnyen nennt, des Metrums und des Reimes halber um den Buchstaben y.


Die Erziehung zur Gesinnung

ist
die vornehmste Aufgabe der Freimaurerei. Durch die Gesinnung allein
werden die Meinungen überbrückt, die uns Menschen voneinander trennen.

 Zum Beginnen, zum Vollenden

Zirkel, Blei und Winkelwaage;
Alles stockt und starrt in Händen,
Leuchtet nicht der Stern dem Tage.
Sterne werden immer scheinen,
Allgemein auch zum Gemeinen,
Aber gegen Maß und Kunst
Richten Sie die schönste Gunst. 
 Symbolon

Des Maurers Wandeln
Es gleicht dem Leben,
Und sein Bestreben
Es gleicht dem Handeln
Der Menschen auf Erden.
Die Zukunft decket
Schmerzen und Glücke
Schrittweis dem Blicke;
Doch ungeschrecket
Dringen wir vorwärts.
Und schwer und schwerer
Hängt eine Hülle
Mit Ehrfurcht. Stille
Ruhn oben die Sterne
Und unten die Gräber.
Betracht' sie genauer
Und siehe, so melden
Im Busen der Helden
Sich wandelnde Schauer
Und ernste Gefühle.
Doch rufen von drüben
Die Stimmen der Geister,
Die Stimmen der Meister:
Versäumt nicht zu üben
Die Kräfte des Guten.
Hier winden sich Kronen
In ewiger Stille,
Die sollen mit Fülle
Die Tätigen lohnen!
Wir heißen euch hoffen. 
 Wilhelm Meisters Wanderjahre

Unsere
Gesellschaft ist darauf gegründet, dass jeder in seinem Maße nach
seinen Zwecken aufgeklärt werde. Hat irgend einer ein Land im Sinne,
wohin er seine Wünsche richtet, so suchen wir ihm das einzelne deutlich
zu machen, was im ganzen seiner Einbildungskraft vorschwebte; uns
wechselseitig einen Überblick der bewohnten und bewohnbaren Welt zu
geben, ist die angenehmste, höchst belohnende Unterhaltung.
In solchem Sinne
nun dürfen wir uns in einem Weltenbunde begriffen ansehen. Einfach groß
ist der Gedanke, leicht die Ausführung durch Verstand und Kraft.
Einheit ist allmächtig, deshalb keine Spaltung, kein Widerstreit unter
uns. Insofern wir Grundsätze haben, sind sie uns allen gemein. Der
Mensch, so sagen wir, lerne sich ohne dauernden äußeren Bezug zu
denken, er suche das Folgerechte nicht an den Umständen, sondern in
sich selbst; dort wird er's finden, mit Liebe hegen und pflegen. Er
wird sich ausbilden und einrichten, dass er überall zu Hause sei. Wer
sich dem Notwendigsten widmet, geht überall am sichersten zum Ziel;
andere hingegen, das Höhere, Zartere suchend, haben schon in der Wahl
des Weges vorsichtiger zu sein. Doch was der Mensch auch ergreife und
handhabe, der einzelne ist sich nicht hinreichend; Gesellschaft bleibt
eines wackeren Mannes höchstes Bedürfnis. Alle brauchbaren Menschen
sollen in Bezug zueinander stehen, wie sich der Bauherr nach dem
Architekten und dieser nach Maurer und Zimmermann umsieht.
Und so ist denn
allen bekannt, wie und auf welche Weise unser Bund geschlossen und
gegründet sei; niemand sehen wir unter uns, der nicht zweckmäßig seine
Tätigkeit jeden Augenblick üben könnte, der nicht versichert wäre, dass
er überall, wohin Zufall, Neigung, ja Leidenschaft ihn führen könnte,
sich immer wohl empfohlen, aufgenommen und gefördert, ja von
Unglücksfällen möglichst wiederhergestellt finden werde.
Zwei Pflichten
haben wir aufs strengste übernommen: jeden Gottesdienst in Ehren zu
halten, denn sie sind alle mehr oder weniger im Credo verfasst; ferner
alle Regierungsformen gleichfalls gelten zu lassen und, da sie sämtlich
eine zweckmäßige Tätigkeit fordern und befördern, innerhalb einer jeden
uns, auf wie lange es auch sei, nach ihrem Willen und Wunsch zu
bemühen.
Schließlich
halten wir es für Pflicht, die Sttlichkeit ohne Pedanterei und Strenge
zu üben und zu fördern, wie es die Ehrfurcht vor uns selbst verlangt,
welche aus den drei Ehrfurchten entsprießt, zu denen wir uns sämtlich
bekennen, auch alle in diese höhere Weisheit, einige sogar von Jugend
auf, eingeweiht zu sein, das Glück und die Freude haben.
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